Lehrpersonen gestalten Weiterbildung für Lehrpersonen – das kommt an

An der Schule Mellingen-Wohlenschwil konzipieren Lehrpersonen für Lehrpersonen interne Weiterbildungen. Auch die Organisation und Durchführung liegt in den Händen der Lehrpersonen. Der fächer- und stufenübergreifende Austausch über die Praxis sowie Lernen sichtbar machen als inhaltlicher Fokus standen im Mittelpunkt der Weiterbildung.
Von Monique Struck

Die pädagogische Kommission des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbands alv hat nach Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Hattie-Studie der alv-Geschäftsleitung u. a. den Antrag gestellt, dass Weiterbildungsangebote zu Erkenntnissen aus Lernen sichtbar machen ausgebaut werden (Marcel Brünggel, Präsident der Pädagogischen Kommission des alv, Schulblatt AG/SO 7/15, S. 10).

Das Projekt «LLL»
abb 1 weiterbildungDie Schule Mellingen-Wohlenschwil, an welcher rund 140 Lehrpersonen unterrichten, entschied sich bereits im Herbst 2013, Anfang 2015 eine solche interne Weiterbildung durchzuführen.
In Sachen schulinterner Weiterbildung geht die Schule seit 2010 einen neuen Weg. Die Schulleitung geht davon aus, dass eigens für die Schule konzipierte Weiterbildungen den Ansprüchen der Schule besser gerecht werden als Weiterbildungen «von der Stange». Den Lehrpersonen fehlten bei den bisherigen Angeboten oft der Stufen- bzw. der Praxisbezug. In der Konsequenz initiierte sie das Projekt «LLL» (von Lehrpersonen, für Lehrpersonen und durch Lehrpersonen). Getragen und unterstützt wird das Projekt vom Schulverband Mellingen-Wohlenschwil und den Gemeinden. Im Vordergrund steht nicht der Theorieunterricht, sondern das eigene Reflektieren, Tun, Erleben und Ausprobieren. 2010 fand erstmals eine Weiterbildung mit diesem Konzept statt, damals zum Thema «Gesund und leistungsfähig im Spannungsfeld der Schule» – mit grossem Erfolg.

Das Projektteam «LLL» für die diesjährige interne Weiterbildung zu Lernen sichtbar machen bestand aus fünf Lehrpersonen aller Stufen.

Ziel der Weiterbildung: Die Teilnehmenden sollen die Grundzüge von John Hatties Lernen sichtbar machen erleben und verstehen. Zudem sollen sie konkrete Handlungsmöglichkeiten für sich und die Schule erkennen. Im Zentrum standen dabei der Unterricht und das Lernen. Mit einer Kick-off-Veranstaltung, zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang Beywl (Pädagogische Hochschule FHNW), startete die Planung der internen Weiterbildung (vgl. Abbildung 01).

Als Grundlagen dienten die beiden Werke von John Hattie Lernen sichtbar machen (2013) und Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen (2014) sowie die Erfahrungen und Ressourcen der fünf Projektmitglieder.

Zusammen definierte das Projektteam die Ziele und die geeignete Struktur für die Weiterbildung. Das aktive Tun und das eigene Reflektieren sollten im Vordergrund stehen. Aus Erfahrung wusste das Projektteam, dass der Austausch untereinander, gekoppelt mit neuem Wissen und eigener Aktivität, Erfolgsfaktoren von «LLL» sind. Gemäss Hattie (2014) ist die Zusammenarbeit von Lehrpersonen zentral für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler. Es braucht ein gemeinsames Verständnis von Lernfortschritt. Das bedeutet, «dass Lehrpersonen ein Verständnis untereinander, innerhalb einer Schule und am besten zwischen Schulen dazu haben, was die Vorstellungen von Herausforderung und Schwierigkeit sind, wenn das Curriculum umgesetzt wird. Damit lässt sich sicherstellen, dass an die Lernenden angemessen höhere Erwartungen von Herausforderungen gestellt werden» (Hattie 2014, S. 66). Der Austausch ist ein Anfang in Richtung gemeinsames Verständnis und somit auch einen Schritt hin zu Lernen sichtbar machen.

Die «LLL»-Weiterbildung verfolgte ein weiteres Ziel, ganz im Sinne von Lernen sichtbar machen: Die Teilnehmenden sollten unterstützt werden, das Lernen mit den Augen der Lernenden zu sehen (eine Kernaussage bei Hattie 2013, z.B. S. 27), also einen Perspektivenwechsel von der Lehrerrolle in die Schülerrolle vorzunehmen. Dies, um Emotionen zu wecken und die Lehrpersonen hautnah erfahren zu lassen, worauf es beim Unterrichten ankommt und welchen Einfluss sie dabei haben.

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Lernen mit den Augen der Schülerinnen und Schüler sehen
Der Weiterbildungstag wurde drei Mal mit insgesamt 110 Teilnehmenden wie folgt durchgeführt: Er gliederte sich grob in vier Teile (vgl. Abbildung 02). 
Die Veranstaltung startete mit der Begrüssung und Einführung, welche u.a. zwei kurze Gruppenarbeiten zur Auseinandersetzung mit den Themen von Lernen sichtbar machen beinhaltete und ein rund einstündiges Referat über die Bücher und die Ergebnisse aus John Hatties Studien.

Die Teilnehmenden konnten am Morgen und am Nachmittag jeweils aus drei Lernboxen eine auswählen. Der Name «Lernbox» wurde bewusst gewählt, denn die Teilnehmenden nahmen in den rund eineinhalb Stunden die Schülerrolle ein und erlebten das Lernen mit den Augen der Lernenden. Im Anschluss an jede Lernbox wurden die Lehrpersonen eingeladen, kurz innezuhalten und mittels Reflexionsfragen (Was war neu für mich? Was nehme ich mit? Wie setze ich das Gelernte in meinem Unterricht um?) für sie persönlich wichtige Punkte festzuhalten.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete das Plenum nach der besuchten Lernbox am Nachmittag. Thema waren dabei die acht Geisteshaltungen – «Mind Frames» – von John Hattie, die die Grundhaltungen einer Lehrperson zusammenfassen. Auch hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, Unklarheiten zu thematisieren und diskutieren.

Beispiel: Lernbox «Fehlerkultur»

Das Machen von eigenen Fehlern und der Umgang damit standen hier im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden erlebten hautnah, was die Reaktionen auf Fehler beim Einzelnen auslösen können.

Dafür wurden Gruppen gebildet und herausfordernde Aufgaben gestellt, wobei ein Grossteil nur durch Fehlversuche gelöst werden konnte. Nach den Gruppenaufgaben wurde vom Lernbox-Leiter eine kurze Präsentation gehalten, in der lernförderliche Fehlerkulturen thematisiert und konkrete Praxisbeispiele vorgestellt wurden. Darauf folgte eine klassische Testsituation. Die Teilnehmenden mussten knifflige Testfragen in 10 Minuten lösen, links und rechts wurden Sichtsperren aufgestellt, damit nicht geschummelt werden konnte. Der Test war herausfordernd angelegt und kaum in der vorgegeben Zeit zu lösen. Dies simulierte die häufig vorkommende Situation von Schülerinnen und Schüler. Nachdem der Test gemeinsam korrigiert worden war, gab es Reflexionszeit zu den Fragen: Wie war die Situation? Wie kann man die Angst, Fehler zu machen eindämmen? Was ist ein Fehler?

Beobachtungen einer Teilnehmerin: …und so fühlen sich Lernende…

Bereits zu Beginn der Gruppenaufgaben wurden eine Nervosität, eine gesunde Portion Ehrgeiz und Motivation spürbar. Die Gruppe wollte alle Aufgaben in der vorgegeben Zeit lösen. Bei der ersten Aufgabe (einen in der leeren Weinflasche innenliegenden Korken, mit wenig zur Verfügung stehenden Werkzeugen, herauslösen, ohne die Flasche zu beschädigen) wurde viel diskutiert aber nichts ausprobiert. Wahrscheinlich wollte man sich nicht blamieren, indem man einen Fehler macht. Zahlreiche Fragen wurden an den Lernbox-Leiter gestellt, obschon die Aufgabe klar formuliert war. Wohl in der Hoffnung, einen Hinweis zu erhalten.

Bei der klassischen Testsituation kam dann eine Unruhe im Raum auf, man wusste nicht, was zu erwarten war. Die anschliessenden Rückmeldungen im Plenum zeigten, dass ein «Aha» oder das Umblättern des Tests noch mehr Stress ausgelöst hatte oder dass man an der eigenen Intelligenz zweifelte, als man merkte, dass die Zeit nicht ausreicht und man gewisse Fragen nicht verstanden hat, aber andere bereits den Anschein machten, schon fertig zu sein. Den Anschein deswegen, weil schlicht einige nicht nachgeschaut hatten, ob auch auf der Rückseite des Tests noch weitere Testfragen sind – und dies obschon wir es doch besser wissen sollten… Die abschliessende Diskussion zu Fragen wie folgenden regten zum weiteren Nachdenken an: Was kann man also im Unterrichtsalltag machen, um die Angst vor Fehler zu hemmen? Was ist überhaupt ein Fehler?

Eine gelungene Lernbox, um das Lernen mit den Augen der Lernenden zu sehen.

An einer Litfasssäule konnten die Teilnehmenden mit Post-its während des ganzen Tages Themen notieren, die sie als relevant für die Weiterarbeit ansehen oder Punkte, die für sie am Weiterbildungstag sehr zentral waren und sind. Die Post-its wurden von den Teilnehmenden am Schluss des Tages mit farbigen Punkten gewichtet. Die Statements aller Weiterbildungstage wurden dann der Zentralen Schulleitung und den Standortleitungen zur Weiterverwendung und Weiterplanung in der Klausur übergeben.

Die Nachbearbeitung zeigte, dass die Rückmeldungen aus den Kollegien fast durchwegs positiv waren, das Konzept sehr gut angekommen und auf grosse Akzeptanz und Anerkennung gestossen war. Der Weiterbildungstag wurde als sehr gewinnbringend und vor allem bedeutsam beurteilt.

Rückblickend war das Projekt für die einzelnen Teammitglieder sehr bereichernd. Die Mitglieder konnten ihre unterschiedlichen Ressourcen positiv einbringen und das eigene Wissen erweitern. Auf der anderen Seite war die Projektarbeit neben den Unterrichtspensen von 70-100 % sehr intensiv und verlangte von den Teammitgliedern Flexibilität und ein grosses Engagement. Wobei sich die intensive Auseinandersetzung und der grosse Einsatz absolut gelohnt haben, wenn man das Ergebnis anschaut.

Wie geht es weiter? Die Schule Mellingen-Wohlenschwil setzt sich auch in Zukunft intensiv mit dem Thema «Unterricht» auseinander, um eine möglichst grosse Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Die Arbeit in den Unterrichts-Teams wird im neuen Schuljahr 2015/16 weiter ausgebaut. Die kollegiale Hospitation und die Intervision werden durch den Start des «Luuise»-Projekts im Herbst 2015 komplettiert.

Quellen
Hattie, John A. C. (2013): Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von «Visible learning», besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Hattie, John A. C. (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von «Visible learning for teachers», besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

struckMonique Struck
Lehrerin an der Real- und Sekundarschule SEREAL
Mellingen-Wohlenschwil, Schweiz
und Projektleiterin von «LLL» 2015
moniquestruck(a)outlook.de
 

 

 

 

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