Lehrer-Schüler-Beziehung – Ein Kurzinterview mit Gian Bollinger

Gian Bollinger ist Lehrperson (3. Klasse) an der Primarschule Liestal (BL). In einem Kurzinterview mit der Redaktion Lernen sichtbar machen sprach er über seine Erfahrungen bezüglich der Gestaltung und Wirkung der Lehrer-Schüler-Beziehung.

„Ich versuche eine positive Fehlerkultur
im Klassenzimmer
 vorzuleben.“

Gian Bollinger

Lernen sichtbar machen: Die Hattie-Studie zeigt, dass die Lehrer-Schüler-Beziehung für die Lernleistung von zentraler Bedeutung ist. Deckt sich diese Aussage mit den Erfahrungen aus Ihrem Unterricht?

Gian Bollinger: Aus meiner Sicht ist die Lehrer-Schüler-Beziehung elementar, um mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Ich merke ja, wenn sich eine Schülerin oder ein Schüler unwohl fühlt, etwas nicht stimmt oder zwischen uns ist, und dass sich diese Situationen negativ auf das Lernen auswirken. Es ist zentral wie ich etwas vermittle, damit die Schülerinnen und Schüler mit einem ruhigen Gefühl in die Klasse kommen können und sich keine Gedanken über zwischen-menschliche Spannungen machen müssen. Der Aufbau einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung braucht Zeit und erfordert eine Kennenlernphase von beiden Seiten. Deshalb zeige ich mich nicht nur als ernste und strenge Lehrperson, sondern setze bewusst Humor im Unterricht ein. Darüber hinaus beteilige ich mich ab und zu im Sportunterricht als Mitspieler und begebe mich dabei auf Augenhöhe. Die Schülerinnen und Schüler können meine Position im Spiel wählen, sei es im Tor oder auf dem Spielfeld, was sie sehr schätzen. Ich gebe ihnen vereinzelt Entscheidungsfreiheiten ab, damit sie im Unterricht mitsprechen können; eine Massnahme, die sich positiv auf die Lehrer-Schüler-Beziehung auswirkt.

Lernen sichtbar machen: Woran wird eine gute Lehrer-Beziehung in Ihrem Unterricht sichtbar?

Gian Bollinger: Zunächst begrüsse ich die Schülerinnen und Schüler zu Beginn des Unterrichts mit Handschlag und merke dabei sehr rasch, ob es ihnen gut geht oder nicht. Wenn ich dabei feststelle, dass ein Lernender in einer gedrückten Stimmung ist, spreche ich ihn darauf an, damit er unbelastet in den Tag starten kann. Weiter wird den Schülerinnen und Schüler im Morgenkreis die Gelegenheit gegeben, über ihre Gefühle zu sprechen. Dabei erfahre ich ebenfalls viel über ihre Befindlichkeit. In einem kurzen Gespräch kann ich dabei bereits auf sie eingehen. Es erscheint mir sehr wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, sich jederzeit darüber zu äussern, wie es ihnen geht und was in ihnen vorgeht. Die Tatsache, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen zu mir kommen und sich darüber äussern, ist für mich Ausdruck von Vertrauen zur Lehrperson und fördert die Lernkultur im Klassenzimmer.

Lernen sichtbar machen: Wie gehen Sie vor, um die Lehrer-Schüler-Beziehung bewusst zu fördern?

Gian Bollinger: Ich versuche zum einen eine positive Fehlerkultur im Klassenzimmer vorzuleben. Ich beobachte oft, dass Schülerinnen und Schüler ihre Fehler verstecken und Angst haben, diese preiszugeben. Deshalb thematisiere ich in meinem Unterricht regelmässig, dass Fehler machen zum Lernen gehört und sogar erwünscht ist. Des Weiteren rege ich sie dazu an, ihre eigene Meinung mitzuteilen. Im Klassenrat werden ihre Anliegen, welche sie zuvor auf verschiedenen Kärtchen während der Woche notiert haben, diskutiert. Ausschlaggebend ist für mich zudem, in Randzeiten unmittelbar vor oder nach dem Unterricht sowie während den Pausen für die Schülerinnen und Schüler verfügbar zu sein. Oft entstehen dann aufschlussreiche Einzelgespräche mit den Lernenden, in denen sie über ihre Situation zuhause oder wichtige Erlebnisse berichten. Ergänzend suche ich den regen Austausch mit den Eltern, um zu wissen, wie ich ihre Kinder optimal unterstützen kann, worauf ich besonders achtgeben muss und um natürlich den Eltern Rückmeldungen zu geben. Dies auch, wenn alles gut läuft in der Schule.

Lernen sichtbar machen: Haben Sie in Ihrem Unterricht je eine besondere Massnahme eingesetzt, um die Beziehung zu einem oder einzelnen Schülern zu stärken?

Gian Bollinger: Ich kann mich an eine extreme Situation erinnern, als ich neu als Lehrperson angefangen habe zu arbeiten. In einer 4. Primarklasse habe ich einen Schüler unterrichtet, der zunächst nur unter dem Tisch sass und sich verweigert hat, am Unterricht nicht teilgenommen hat. Zunächst habe ich in zahlreichen Gesprächen versucht herauszufinden, wo das Problem liegt und was ihn überhaupt interessiert. Später stellte ich fest, dass er starkem inner- und ausserschulischem Druck ausgesetzt war. Seine eigenen Interessen galten vor allem Themen rund um das Fahrrad, deshalb ging ich im Unterricht regelmässig darauf ein. Ausserdem besorgte ich mir eine Fahrradglocke und setze diese als Signal zwischen dem Schüler und mir ein. Damit konnte ich zu ihm eine Brücke schlagen. Dieser Prozess hat mehrere Wochen gedauert bis er wieder soweit war, an seinem Platz zu sitzen und am Geschehen teilzunehmen. Dem Faktor Zeit und dem eigentlichen Interesse des Schülers messe ich hierbei grosse Bedeutung zu. Ich bin davon überzeugt, dass jede Schülerin und jeder Schüler lernen möchte.

Eine andere Massnahme, die ich eingesetzt habe, entstand auf Anregung der Eltern. Diese wünschten sich regelmässiges Feedback über das Lern- und Arbeitsverhalten ihrer Kinder im Unterricht. Ich habe dies während einer bestimmten Periode an die Wochenplanarbeit gekoppelt. Die Schülerinnen und Schüler haben sich zum einen selbst eingeschätzt und zum anderen habe ich ihnen im Zweiwochen-Rhythmus jeweils in kurzen Sätzen Rückmeldungen zur Leistung, zum Verhalten und zum gegenseitigen Umgang geschrieben, die sie am Montag in ihrem Fach vorgefunden haben. Dabei habe ich stets darauf geachtet, dass ich die Rückmeldungen wohlwollend formuliere. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Einschätzungen sehr gerne gelesen. Für die Lehrperson ist dieses Vorgehen sehr zeitintensiv, sodass ich diese Massnahme nicht durchs ganze Jahr hinweg so ausführlich einsetze.

Hinweis der Redaktion

Die Schlussfolgerungen von Gian Bollinger werden durch Forschungsbefunde gestützt. Empathie, Nondirektivität und die Orientierung am Lernenden als Teil eines lernenden-zentrierten Agierens und somit einer positiven Lehrer-Schüler-Beziehung haben einen stark wirksamen Einfluss (vgl. Hattie, 2015) auf die Lernleistung der Lernenden.

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