Newsletter Nr. 08 / 14

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In diesem Newsletter von Lernen sichtbar machen wird die Reihe „Missverständnisse“ weitergeführt. Dieses Mal widmen wir uns der häufig zu lesenden Aussage „Auf die Lehrperson kommt es an“. Lesen Sie im Beitrag von Michael Mittag, wie und mit welchen Zielen Lernen sichtbar machen in der Ausbildung von Lehrpersonen nützlich sein kann. Weiter machen wir Sie auf zwei Texte zum Thema Lernen sichtbar machen von Kurt Vogelsberger aufmerksam, in welchen er sich u.a. mit der Frage auseinandersetzt, was eine gute Lehrperson ist.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.

Wolfgang Beywl
Projektleiter

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Neu auf www.lernensichtbarmachen.net

Lernen sichtbar machen: Missverständnisse Teil 2

Auf die Lehrperson kommt es an!?

Grosse Printmedien haben John Hattie im deutschsprachigen Raum zur breiter Aufmerksamkeit verholfen. Schlagzeilen, welche die Verantwortung und die grosse Einflussmöglichkeiten der Lehrperson hervorheben, z.B. „Ich bin superwichtig!“ (ZEIT vom 14. Januar 2013) waren zu lesen. Auch John Hattie wiederholt dies immer wieder, doch muss dieses in einen grösseren Argumentationszusammenhang eingeordnet werden. Hier beschränken wir uns auf die Frage: Kann die Lehrperson es allein richten? Dass Lernen ohne die aktive Mitarbeit der Lernenden nicht stattfindet, liegt auf der Hand. Es kommt jedoch noch etwas Weiteres dazu: In einem Interview mit der Zeitschrift Weiterbildung (2013, S. 6) antwortet Hattie auf die obige Frage folgendermassen: „Es geht um den Plural, die Lehrenden. Die Fokussierung auf die einzelne Lehrperson ist eines der Probleme in diesem Beruf. Ich bin daher stark an der Frage interessiert, wie Lehrende zur Kooperation zu bringen sind. Denn es ist für sie nicht leicht, das zu tun. Daher fokussiere ich stark auf die Lehrpersonen, in der Mehrzahl.“

Besonders bei der Planung der Unterrichtsstunde sei diese Zusammenarbeit sehr wichtig. Hattie schreibt (2014, S. 41 bzw. S. 75f): „Eine der Hauptbotschaften aus Lernen sichtbar machen ist der grosse Lerneffekt bei Lehrpersonen, die sich austauschen und aus gemeinsamen Gesprächen über die Planung lernen“. „Der Ansatz der gemeinsamen Planung von Unterrichtsstunden macht mit höchster Wahrscheinlichkeit einen deutlichen positiven Unterschied beim Lernen der Schülerinnen und Schüler“. Hervorzuheben ist, dass Hattie sich bei dieser These, nicht wie sonst in seinem Buch auf empirische Studien stützt, sondern dies „abduktiv“ aus seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit empirischen Hinweisen und seinen Diskursen mit den Akteuren in Schule und Unterricht schliesst. Diese These sei konstitutiv für seine im Buch (vielfach nur teilweise explizierte) Theorie des Lehrens und Lernens. Im persönlichen Austausch mit den deutschen Übersetzern seines Buches (25. Juni 2014) führt er aus: „Es gibt ein starkes Bündel empirischer Belege zur herausragenden Bedeutung der Expertise der Lehrpersonen: in Bezug darauf, wie Lehrpersonen optimal dabei kooperieren können, um Schlüsselthemen des Lehrens und Lernens zu erörtern, um gemeinsame Konzeptionen in Bezug auf Lernzuwachs zu entwickeln und um eine Art kollektiver Wirkfähigkeit, um Lernen zu maximieren.“ Hattie kündigt für seine Neuauflage von Visible Learning (ab 2016) an, Forschungsergebnisse zu diesem Punkt aufzubereiten. Das Übersetzungsteam weist in diesem Zusammenhang auf die beiden Faktoren kooperatives vs. kompetitives Lernen sowie kooperatives vs. individuelles Lernen hin, wo kooperatives Lernen leistungsfördender ist: Wenn Hatties These gilt, dass Lehrpersonen, die sich als Lernende in Bezug auf ihren Unterricht verstehen besonders wirkfähig sind, dann liegt es nahe, die Übertragbarkeit dieser Befunde auf das Lernen von Lehrenden als „reflecitve practitoners“ (Argyris/Schon 1978) zu prüfen (vgl. Fragen und Antworten, Faktoren und zentrale Aussagen von Lernen sichtbar machen).

Es kann also festgehalten werden, dass die Aussage „auf die Lehrperson kommt es an“ umformuliert werden muss, wie Hattie es auch schreibt: auf „Lehrpersonen, die zusammenarbeiten und ihre Planung kritisch betrachten“ (2014, S. 74), kommt es an.

Literatur
Argyris, Chris/Schön, Donald (1978): Organization learning: A theory of Action perspective. Reading(MA): Addison Wesley.

Beywl, Wolfgang/Zierer, Klaus (2013): Professionell Lehren durch „Visible Learning“. Interview mit dem Bildungsforscher John Hattie. Weiterbildung, 3, S. 6-9.

Hattie, John A. C. (2013): Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible learning“ besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Hattie, John A. C. (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible learning for Teachers“ besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Lernen sichtbar machen in der Ausbildung von Lehrpersonen

Ein Beitrag von Michael Mittag

Lernen sichtbar machen in Methodenveranstaltungen der Lehrerausbildung
„Forschungsmethoden sind langweilig!“. Dieses Vorurteil tragen viele Studierende mit sich herum, auch in meinen Methodenunterricht. Wahrscheinlich hält es sich deshalb so hartnäckig, weil etwas Wahres dran ist.

Das spannende an der Forschung sind nicht die Methoden, sondern die Ergebnisse. Davon hat Hattie viele zu bieten, und sie sind mehrheitlich leicht zugänglich. Das liegt vor allem an der Herangehensweise, die er wählt: keine Mehrebenen-Analysen oder Strukturmodelle, kein Ausleuchten der Komplexität der Schulsituation, sondern einfache Wirkbelege. Man hat Dinge ausprobiert, der Lernerfolg hat sich dadurch verschieden stark verbessert. Das ist Studierenden sehr leicht zu vermitteln und ist auch relevant für sie, schliesslich wollen sie wirksamen Unterricht machen.

An die Ergebnisse lässt sich in der Ausbildung von Lehrpersonen auch anknüpfen: Womit hängt es zusammen, dass Klassengrösse einen eher geringen Effekt hat? Was sagt die Forschung zu kleinen Klassen? Was kann man mit Forschung überhaupt aussagen? Wie gehen Leute mit Forschungsergebnissen um?

Ich freue mich darauf, bei den Studierenden ausgiebige und relevante Auseinandersetzungen über Schule und Forschung anzustossen. Dabei werden sie auch einige Forschungsmethoden sowie Grundbegriffe wie Mittelwert, Standardabweichung, p-Wert und Effektstärke kennen lernen, und dazu viele Dinge, die sie in ihrem Studium und ihrer beruflichen Laufbahn brauchen können.

(Im kommenden Semester setze ich eine neu erstellte Ausbildungskonzeption von Lernen sichtbar machen ein. Zu einem späteren Zeitpunkt berichte ich über Inhalt und Erfahrungen in diesem Newsletter.)

Reflexion von Kurt Vogelsberger zu Lernen sichtbar machen

Kurt Vogelsberger war Realschullehrer und unterrichtete die Fächer Mathematik und Physik. Er war auch in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung als Fachleiter für Mathematik sowie als Fachleiter für Pädagogik und allgemeine Didaktik tätig. Anschliessend war er 25 Jahre lang Leiter eines Studienseminars. In zwei Texten widmet er sich den Studien John Hatties und macht die zentralen Erkenntnisse dadurch fassbarer, dass er sie mit seiner eigenen, langjährigen pädagogischen Erfahrung verknüpft. Er beschäftigt sich unter anderem damit, was eine gute Lehrperson ist, wie diese mit den Augen der Lernenden sehen kann sowie ob und wie diese Fähigkeit erlernt werden kann. Was geschehen muss, damit die Erkenntnisse Hatties zum Handeln der Lehrpersonen als einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Lernleistung der Schülerinnen und Schüler noch stärker in der Praxis umgesetzt wird – darum geht es Kurt Vogelsberger in seinen Artikeln.

Die Artikel „Die Verdienste des Herrn Hattie“ und „Mit den Augen der Lernenden sehen“ finden Sie hier:

Die Verdienste des Herrn Hattie
Mit den Augen der Lernenden sehen

Lohnt sich anzuschauen

Erinnerung: Veranstaltung “Redaktionsmitarbeit”
Im September 2014 findet das zweite Treffen zur Redaktionsmitarbeit “Lernen sichtbar machen” statt. Es bietet den an einer Mitarbeit Interessierten Gelegenheit, das Projekt rund um die Ergebnisse von John Hatties Visible Learning und das bestehende Redaktionsteam kennen zu lernen. Am Treffen werden u.a. Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung im Rahmen einer Redaktion für verschiedene Onlineangebote des Projektes vorgestellt und Erfahrungen ausgetauscht.

D – Frankfurt am Main
Datum
: 22.09.2014 (späterer Vor- bis früherer Nachmittag)

Ort: Bahnhofsnähe

Haben Sie Interesse an einer Teilnahme? Gerne nehmen wir Anmeldungen (E-Mail an etelvina.fernandez@fhnw.ch) bis zum 15. September 2014 entgegen.

CH – Brugg-Windisch
Im Verlaufe des Herbstes planen wir ein weiteres Treffen in der Schweiz. Bei Interesse nehmen Sie gerne
Kontakt mit uns auf.

„Profil“– Magazin für das Lehren und Lernen (2/2014): Interview mit Wolfgang Beywl
Im Gespräch zwischen „Profil“-Autor Peter Uhr und Wolfgang Beywl wurde der Frage nachgegangen, ob man Lernen sichtbar machen kann. Lesen Sie im Interview über die zentralen Aussagen der Studie „Lernen sichtbar machen“ sowie über überraschende Ergebnisse, Feedback sowie selbstevaluatorische Kompetenz uvm.

Hier gelangen Sie zum Interview.

Dokumentation der Koordinationstagung des Projekts „Personalisiertes Lernen in heterogenen Lerngemeinschaften“
Im November 2013 fand die 6. Koordinationstagung des Projekts „Personalisiertes Lernen in heterogenen Lerngemeinschaften“ statt. An der Koordinationstagung wurde von Erfahrungen und Erkenntnissen aus den Teilprojekten berichtet sowie den Stand, die Stolpersteine und das laufende Vorhaben vorgestellt. Auch Beiträge von nicht direkt beteiligten Projekten standen auf der Agenda, so z.B. ein Beitrag zu Lernen sichtbar machen (Workshop 9). Auf der Website der Stiftung Mercator finden Sie die Dokumentation der Workshops.

Hier gelangen Sie zur Dokumentation.

Einladung zur Tagung am „Zibelemärit“- Montag mit dem Thema „Unterrichtsentwicklung – wozu?“
Am Montag, 24. November 2014 findet von 9.30 bis 16.00 Uhr die vom Schulverlag plus organisierte Tagung in Bern statt. Es wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren bzw. Ergebnisse der Studie Lernen sichtbar machen für die Diskussion zur Unterrichtsentwicklung von Bedeutung sind und wie ein Transfer in die Praxis stattfinden kann.

Hier gelangen Sie zur offiziellen Einladung.

Campus Brugg-Windisch: Tag der offenen Tür – Samstag, 13. September 2014

An diesem Tag finden auf dem Campus Brugg-Windisch der FHNW zahlreiche Aktivitäten, Präsentationen und Ausstellungen für Jung und Alt statt und gewähren einen Blick hinter die Kulissen der FHNW. Besuchen Sie uns: „Baukasten Lernerfolg – was trägt zum Lernen bei?“ – raten und vergleichen Sie mit Ergebnissen aus 60.000 Studien.

Datum: 13. September 2014

Zeit: 10.30/11.30/13.30/14.30 Uhr

Ort: Campus Brugg-Windisch, Gebäude 6, 1.OG, Raum 6.1A06

Hier gelangen Sie zu weiteren Informationen.

Ausblick

Die Reihe Missverständnisse wird im nächsten Newsletter weitergeführt. Des Weiteren erklären wir Schritt für Schritt, wie man sich in unserem Diskussionsforum beteiligen kann.

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