Newsletter Nr. 06 / 14

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In diesem Newsletter klären wir ein Missverständnis zu John Hatties „Lernen sichtbar machen“ in Bezug auf mittlere und tiefe Effektstärken und stellen Ihnen in einem Kurzbericht die Neuauflage von Andreas Helmkes Buch “Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität” vor. Weiter finden Sie Informationen zum EBTN-Netzwerk, einem Netzwerk für Lehrpersonen, die sich für das evidenzbasierte Unterrichten interessieren. Wir wünschen Ihnen Vergnügen bei der Lektüre.

Neu auf www.lernensichtbarmachen.net

Praxisbericht “Klarheit der Lehrperson”
Lesen Sie
hier den Erfahrungsbericht von Sigrid Strobel zum bewussten Sprachgebrauch und zur Förderung der Klarheit der Lehrperson. Sie ist Berufsschullehrerin und Fachdozentin am Aus- und Weiterbildungsinstitut Lingva Eterna.

Korrigenda “Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen
Hier finden Sie die Liste der Korrigenda zu “Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen” zum Download.

FAQ ergänzt
In den letzten Wochen haben wir einige an uns gestellte Fragen bearbeitet. Unsere Antworten finden Sie hier.

Lernen sichtbar machen: Missverständnisse Teil 1

In den kommenden Newslettern diskutieren wir ausgewählte Missverständnisse zu John Hatties „Lernen sichtbar machen“.

Missverständnis: „Faktoren mit mittleren und tiefen Effektstärken sind nicht wichtig für die Praxis?!“

Schaut man sich die Rezensionen und Berichte rund um „Lernen sichtbar machen“ an, so fällt auf, dass mehrheitlich Faktoren mit sehr hohen (z. B. die Top Ten Faktoren), mit negativen oder überraschenden Effektstärken thematisiert werden. Hingegen wird Faktoren mit mittleren und tiefen Werten kaum Beachtung geschenkt oder sie werden gar mit “wirkt nicht” betitelt. Wie kann man aber eine mittlere oder tiefe Effektstärke interpretieren? Lohnt es sich, diese auf praktische Bedeutsamkeit hin zu prüfen? John Hattie verdeutlich in “Lernen sichtbar machen” (2013, Kapitel 2), dass eine tiefe Effektstärke den Einsatz einer Intervention nicht ausschliessen muss: So weisen Rosenthal und Di Matteo (2001) nach, “(…) dass die Effektstärke für die Einnahme einer geringen Dosis Aspirin zur Herzinfarktprävention bei d = 0,07 liegt. (…) Obwohl diese Effektstärke sehr klein ist, heisst es doch, dass 34 von 1 000 Menschen keinen Herzinfarkt erleiden würden, wenn sie regelmäßig geringe Dosen Aspirin einnehmen würden” (S. 11f.). Bei Schlussfolgerungen zu Effektstärke-Massen sind u. a. der Aufwand (wie Kosten oder Zeitbedarf; bei Aspirin sehr gering) oder mögliche unbeabsichtigte Folgen zu berücksichtigen. Entscheidend für Bildung und Erziehung ist jedoch, dass sich der Nutzen einer Intervention unter Umständen erst dann einstellt, wenn sie zusammen mit (einer) anderen Intervention(en) sowie zeitlich bzw. auf die Situation passend eingesetzt wird. Beywl und Zierer (2014) nennen als Beispiel einer wirkmächtigen Kombination das Team-Teaching (d=0,19), welches zwar eine tiefe Effektstärke aufweist, aber die Umsetzung von deutlich aufwändigeren Ansätzen (wie Formative Evaluation (d=0,90), Peer-Tutoring (d=0,55) u.a.) unterstützt oder gar erst ermöglicht. Aus Kostengründen mag es in diesem Falle angemessen sein, das Team-Teaching zeitlich zu begrenzen. Fazit: Die Effektstärke-Masse bieten Navigationshilfen für die Entwicklung von Unterricht und Schule. Sie können die Lehrperson in ihren Entscheidungen unterstützen, die sie von Situation zu Situation zu treffen hat und die sie je nach Klassemerkmalen, Zeitpunkt im Schuljahr und Zielen und Inhalten des Unterrichts immer wieder neu trifft (idealerweise im Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen und/oder im Dialog mit den Lernenden). Hattie betont die Relativität der Effektstärkengrösse immer wieder und erinnert daran, dass sein Buch alles andere als ein „Rezept“ sei (2013, S. 279).

Quellen:
Beywl, Wolfgang/Zierer, Klaus (2014): “Wider dem „Fast-Food-Hattie“. Zum (richtigen) Umgang mit den Ergebnissen der großen Meta-Studie.” Grundschulzeitschrift (Heft 272.273): 17-19.

Hattie, John A. C. (2013): Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von “Visible learning”, besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider.

Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität: Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (Andreas Helmke 2014, Friedrich-Verlag)

Eine Kurzbesprechung von Wolfgang Beywl
Erneut hat Andreas Helmke eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe seines Standardwerkes zu den fachübergreifenden Merkmalen lernwirksamen Unterrichts vorgelegt. Das auf über 400 grossformatigen Seiten angewachsene Werk ist durch seine Kombination von theorie- und praxiszentrierten Anteilen alleinstehend: Es arbeitet Theorien und Forschungsergebnisse zu Lernen und Lehren sowie zur Lehrerforschung auf (Kap. 2-3), identifiziert in zehn Unterkapiteln allgemeine Merkmale und Prinzipien guten Unterrichts (Kap. 4), leitet zu eigenständiger empirischer Diagnose und Evaluation des Unterrichts an (Kap. 5) und gibt konkrete Hinweise, wie Unterricht systematisch verbessert werden kann (Kap. 6), mit einer Vertiefung zur videobasierten Unterrichtsforschung (Kap. 7). In der Neuauflage verstärkt Helmke die auch bei John Hattie ausgeprägte doppelte Evidenzorientierung: Aussagen über das Wünschenswerte guten Unterrichts sollen zum einen durch wissenschaftliche Forschungsbelege abgestützt sein. Zum anderen ist auch professionelle Evidenz unverzichtbar, d. h. eine auf Daten zum eigenen Unterricht abgestützte, evaluative Selbstvergewisserung über die Erreichung der gesetzten Unterrichtsziele. Ohne die in diesem Sinne doppelte, „solide empirische Grundlage ist jede Unterrichtsentwicklung in Gefahr, im Nebel zu stochern.“ (S. 359).

The Evidence Based Teachers Network (EBTN)

Wie eine Lehrperson die Idee des Evidenz basierten Unterrichtens verbreitet
Das “Evidence Based Teachers Network” (EBTN) ist ein Online-Angebot für Lehrpersonen, die sich für das evidenzbasierte Unterrichten interessieren. Darunter versteht Mike Bell, Initiator des Networks, ein Unterrichten, welches sich auf eine breite Basis von Forschungsergebnissen stützt, die von Experten zusammengestellt und interpretiert werden. Mike Bell ist Lehrer in England, hat EBTN gegründet und hält es weitgehend alleine aufrecht. Sein Ziel ist, die Idee des evidenzbasierten Unterrichtens zu verbreiten, ohne dass umfangreiche Bücher gelesen oder statistische Verfahren im Detail verstanden werden müssen. Als Mike Bell die Tabellen der Effektstärken von John Hattie zum ersten Mal gesehen hatte, kam er zu folgendem Schluss: Ein evidenzbasiertes Vorgehen bei der Bewertung dessen, was für den Unterricht nützlich ist, kann vieles im Bereich der Bildung verändern. Denn er geht davon aus, dass viele Schulleitende, Aus- und Weiterbildende sowie Autoren von Fachliteratur im Bildungsbereich sich auf Mythen und Meinungen stützen anstatt auf Evidenz. Im Kern besteht das Network aus einem inzwischen in 19 Ausgaben verschickten Newsletter mit fast 5000 Abonnentinnen und Abonnenten. Angesichts des geringen Ressourceneinsatzes („ein Computer, eine Website, ein Newsletter und Evidenz“) ist dies eine erstaunlich grosse Resonanz. Um sein Ziel zu erreichen, bietet Mike Bell auch Weiterbildungen für Lehrpersonen an. In verschiedenen Workshops und Vorlesungen werden Mythen des Unterrichtens diskutiert und effektive Methoden vermittelt.

Weiter wurden Videos entwickelt, die Beispiele guten Unterrichts präsentieren oder Erkenntnisse der Gehirnforschung und deren Implikationen für den Unterricht aufzeigen. Hier gelangen Sie zur Website von “The Evidence Based Teachers Network (EBTN).

Rückblick auf die Luuise-Fachveranstaltung

Am 14. Mai 2014 fand am Campus Brugg-Windisch der Fachhochschule Nordwestschweiz die Fachveranstaltung „Empowerment mit Luuise – Erfolg und Entlastung für Lehrpersonen und Teams“ statt. Luuise (Lehrpersonen unterrichten und untersuchen integriert, sichtbar und effektiv) ist ein Schul- und Unterrichtsentwicklungsprojekt der Pädagogischen Hochschule FHNW zur Selbstvergewisserung über den Erfolg des eigenen Unterrichts. Es trägt zur Professionalisierung von Lehrpersonen und zum organisationalen Lernen von Schulen bei. Lehrpersonen werden unterstützt, Unterrichtserfahrung und Fachwissen mit Feedback, Reflexion und systematischen Erhebungen zu kombinieren. Dies sind Faktoren, die laut der Hattie-Studie besonders wirksam für den Lehr- und Lernerfolg sind. Im Zentrum des Anlasses standen Referate von Lehrpersonen über ihre Luuise-Projekte. Die Fachöffentlichkeit und interessierte Lehrpersonen und Schulleitende erhielten Einblicke, wie die Referierenden eine Knacknuss aus dem Unterrichtsalltag mithilfe von Luuise gelöst haben. In ihrem Inputreferat stellte Prof. Dr. Tina Hascher von der Universität Bern den Empowerment-Ansatz vor und erläuterte, inwiefern Luuise zum Empowerment von Lehrpersonen beiträgt. Die Einführung von Wolfgang Beywl sowie die Präsentation von Tina Hascher finden Sie auf der Luuise-Webseite.

Veranstaltung “Redaktionsmitarbeit”

Im September 2014 findet das zweite Treffen zur Redaktionsmitarbeit “Lernen sichtbar machen” statt. Es bietet Personen, die an einer Mitarbeit interessiert sind Gelegenheit, das Projekt rund um die Ergebnisse von John Hatties Visible Learning und das bestehende Redaktionsteam kennen zu lernen. Am Treffen werden u.a. Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung im Rahmen einer Redaktion für verschiedene Onlineangebote des Projektes vorgestellt und Erfahrungen ausgetauscht.

D – Frankfurt am Main

Datum: 22.09.2014 (späterer Vor- bis früherer Nachmittag)

Ort: Bahnhofsnähe

Haben Sie Interesse an einer Teilnahme? Gerne nehmen wir Anmeldungen (E-Mail an etelvina.fernandez@fhnw.ch) bis zum14. Juli 2014 entgegen.

CH – Brugg-Windisch

Im Verlaufe des Herbstes planen wir ein weiteres Treffen in der Schweiz. Bei Interesse nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Lohnt sich anzuschauen

Kurzbericht zum Themenheft “Feedback im Unterricht” der Zeitschrift Pädagogik 4/2014
Im Faktoren-Wiki unter dem Faktor Feedback finden Sie neu einen Kurzbericht über das Themenheft “Feedback im Unterricht” der Zeitschrift Pädagogik 4/2014. Der Text von Monika Wilkening beinhaltet einen Einblick in den Bericht “Feedback im Unterricht” von Johannes Bastian sowie ein Resümee der Autorin zum Themenheft.

Die Grundschulzeitschrift
Im Heft 272.273 – April 2014 (S. 4-23), beschäftigt sich der Thementeil “Grundschule” in fünf Beiträgen mit den Erkenntnissen aus “Lernen sichtbar machen“.

Profil – Das Magazin für das Lehren und Lernen
Im Heft 1/2014 finden Sie einen Bericht von Werner Jundt mit dem Titel “Hätten Sie’s so gewusst?”. Auf zwei grafisch anregend gestalteten Seiten lädt der Autor zu einem Rätselspiel ein, das mit den Effektstärken aus Lernen sichtbar machen arbeitet.

Ausblick

In den nächsten Wochen informieren wir Sie in einem Sonder-Newsletter über die neu gestaltete Website “Lernen sichtbar machen“.

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